Juni 2015

Geschichtskultur oder Geschmacklosigkeit?

Die tschechische Fernsehserie „Urlaub im Protektorat“

„Reality Shows“ geben kaum noch Anlass zur Aufregung.
Als jedoch das Tschechische Fernsehen (ČT) eine Sendung mit dem Titel „Urlaub im Protektorat“ (Dovolená v protektorátu) ankündigte, hagelte es Kritik von allen Seiten, und das Projekt wurde weit über die Grenzen der Tschechischen Republik hinaus wahrgenommen.
Die deutsche Presse berichtete von einer Sendung unter dem Motto „Willkommen in der Hölle“, und sogar der britische Comedian und Moderator John Oliver erwähnte die Serie in seiner Sendung „Last Week Tonight"[1] – letzteres muss wohl vor allem als Ritterschlag für eine tschechische Fernsehsendung gewertet werden.
Die Vorwürfe oder, so müsste es eher heißen, die Befürchtungen der Kritiker, die bereits vor der Ausstrahlung der ersten Folge geäußert wurden, zielten auf die Banalisierung der historischen Ereignisse und warnten vor mangelndem Respekt gegenüber dem Leid der Bevölkerung unter der Naziherrschaft. Zugespitzt wurde dieser Vorwurf gern mit der ironischen Nachfrage, ob ein Auschwitz-Big-Brother der nächste Schritt auf dem Weg des tschechischen Histotainment sei.[2]

Das tägliche Leben vor siebzig Jahren – ein Versuch

Inzwischen sind vier (von insgesamt acht) Folgen ausgestrahlt worden, was eine erste Zwischenbilanz ermöglicht.
Zunächst zum Aufbau und Narrativ der Serie: Eine siebenköpfige Familie, zu der ein Elternpaar mit zwei Söhnen (dem elfjährigen Jakub und dem fünfzehnjährigen Marek), die Großeltern sowie ein Onkel gehören, wurde ausgewählt, um zwei Monate in einer zunächst nicht näher definierten historischen Epoche zu leben. Dass es sich hier um die späten 1930er bis frühen 1940er Jahre handeln sollte, erfuhr die Familie erst im Laufe der ersten Episode.
Die Gruppe lebt fortan in einem abgelegenen Bauernhaus in den Beskiden an der Mährisch-Schlesischen Grenze. Sie muss nicht nur die Herausforderungen des Landlebens vor siebzig Jahren meistern, sondern wird zusätzlich auf zwei weiteren Ebenen gefordert. Zum einen handelt es sich dabei um Aufgaben, die wir – gern als „challenges“ bezeichnet – bereits aus anderen Reality Shows kennen. So muss hier etwa das Buchweizenfeld abgeerntet, ein Schal gestrickt, eine Treppe gebaut werden. Bei Erfolg winkt der Familie jeweils eine wöchentliche Belohnung in der Währung der dreißiger Jahre, die direkt in Lebensmittel umgesetzt werden kann. Insgesamt kann die Familie, wenn sie das „Spiel“ erfolgreich durchhält, eine Million Kronen in Gold gewinnen.

Auf einer zweiten Ebene entstehen Situationen, die aus dem historischen Kontext erwachsen, in den die Familie versetzt wurde. Das Essen wird knapp und ist nur mehr über Lebensmittelmarken erhältlich, Polizei und Gestapo führen Kontrollen durch und drohen mit harten Strafen, Nachbarn kommen zu Besuch und müssen als hilfsbedürftig, einfach nur freundlich oder auch als spionierende Kollaborateure identifiziert werden.
Die Familie erlebt die Zeit vom Ende der Tschechoslowakei im März 1939 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges im Zeitraffer und wird über die jeweils aktuelle politische Lage durch Zeitungen, Rundfunk und Nachbarn informiert. Zusätzlich sind kurze Darstellungen zum Kriegsverlauf und dokumentarische Filmaufnahmen in die Erzählung montiert.

Die Besatzungszeit als Vorabendserie?

Ein Hauptkritikpunkt der Medien ergibt sich aus der Frage, ob das Unterhaltungsformat der Reality Show dieser historischen Epoche gerecht werden könne, oder ob es sich nicht vielmehr um eine Banalisierung der Lebensbedingungen unter deutscher Besatzung, gar der Verhöhnung der in dieser Zeit Lebenden handele. Schon nach den ersten Sendungen wurde jedoch deutlich: Wer eine Version des Dschungelcamps „in der Nazi-Hölle“[3] erwartet hat, kann sich beruhigt – möglicherweise auch enttäuscht – zurücklehnen. Von den Protagonisten wird harte körperliche Arbeit erwartet, doch es gibt niemals demütigende und die Privatsphäre verletzende Aufgaben. Kein Mitglied der Familie wird vorgeführt oder lächerlich gemacht. Auch die Behauptung, „hinter jeder Ecke“ lauerten Gestapo-Offiziere,[4] ist deutlich übertrieben.

Abgesehen von einigen kurzen Szenen in der ersten Episode, welche die Protagonisten mit einer eigenwilligen Kuh und einem gewöhnungsbedürftigen Plumpsklo konfrontieren, kann der Sendung nicht einmal ein unangemessenes Maß von Humor vorgeworfen werden. Spannung soll vor allem durch den Einsatz von Musik, Cliffhangern und einem durch die Erzählerstimme aus dem Off geschaffene Distanz zwischen dem Zuschauer (der ahnt, was die Teilnehmer erwartet) und der Familie (die es nicht weiß) erzeugt werden. Diese Effekte wirken jedoch nur bedingt, und von einer Überdramatisierung auf Kosten der Würde der Beteiligten oder der historischen Wahrheit kann nicht die Rede sein.

Das eher langsame, zuweilen gar schwerfällige Tempo der Filme kann als handwerkliche Schwäche ausgelegt werden. Derer gibt es einige: Viele der professionellen Schauspieler, die durch ihre halb improvisierten, halb einem Skript folgenden Auftritte als Nachbarn, Bürgermeister, Polizisten, Arzt oder Lehrer diverse Situationen gestalten, agieren ausgesprochen unglaubwürdig. Die Dramaturgie schleppt sich dahin, wenn die Familienmitglieder nach ihren Eindrücken befragt werden und wieder und wieder erklären, was wir längst gesehen haben. Wichtiger und aufschlussreicher aber als diese eher handwerklichen Aspekte ist die häufige Vermischung unterschiedlicher Genres, was wohl dem Versuch geschuldet ist, es allen recht machen zu wollen.

Einerseits üben sich die Produzenten in den Spielszenen und erklärenden Kommentaren in rhetorischer Zurückhaltung. Gleichzeitig suggerieren jedoch der provozierende Titel, der fröhliche Soundtrack und die Möglichkeit für die Zuschauer, sich an Gewinnspielen zu beteiligen, ein flaches, dramatisierendes und zugleich banalisierendes Unterhaltungskonzept. Aus dieser Perspektive und einer dadurch resultierenden Erwartungshaltung sind nicht nur die ablehnenden Reaktionen gegenüber der vermuteten geschmacklosen Geschichtsklitterung nachvollziehbar, sondern ebenso das Gegenteil: Die Kommentare einiger tschechischer Kritiker und Zuschauer, die – oft durchaus ironisch – „zu wenig Erniedrigung“ monieren und argumentieren, eine Reality Show müsse nun einmal den Voyeurismus der Zuschauer bedienen.[5]


Wie wird Geschichte glaubhaft und nachvollziehbar?

Allerdings, so die Regisseurin Zora Cejnková, handele es sich hier nicht um eine Reality Show, sondern vielmehr um eine „historische docu-reality“.[6] Ihr gehe es um eine glaubhafte und ehrliche Darstellung der Vergangenheit und um einen Beitrag aus Anlass der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Folgt man dieser Argumentation, so ergibt sich eine weitere Auffächerung möglicher Motive. Zum einen orientiert sich die Serie eindeutig an Sendungen wie „Schwarzwaldhaus 1902“[7] oder „The 1900 House“.[8]  Cejnková versetzt den urbanen Menschen des 21. Jahrhunderts in eine Situation weitgehender Subsistenzwirtschaft, in der er lernen muss, Brot zu backen, Butter herzustellen und den Stall auszumisten. Diese Handlungsebene wird ergänzt durch den konkreten historischen Kontext und die Ereignisse im Protektorat. Die ökonomische Lage wird deutlich verschärft, es entstehen politischer Druck und Gefahrensituationen für die Familie.

Während die eine Ebene – der Wechsel in eine andere Lebenswelt – durchaus funktioniert, wenn die Teilnehmer ungewohnte hygienische Bedingungen, harte körperliche Arbeit und knappe Nahrungsvorräte „am eigenen Leib“ spüren und zugleich eine gewisse Nostalgie angesichts altertümlicher Kleidungsstücke und einer Kücheneinrichtung ohne Plastik erlaubt ist, sieht es mit der zweiten Ebene schwieriger aus.
Können Menschen im Jahre 2015 tatsächlich Gefahren „erleben“, die sich aus einer Situation von vor siebzig Jahren ergaben? Wie weit kann hier das „re-enactment“ gehen? Momente, in denen die beiden arbeitsfähigen Männer der Familie verhaftet werden, in denen sich die Frage stellt, inwiefern man dem Bürgermeister, der neugierigen Nachbarin oder dem zwielichtigen Lehrer trauen kann, oder in denen die Köpfe der Kinder vermessen werden, um eine „rassische“ Einordnung zu ermöglichen, erinnern entfernt an sozialwissenschaftliche Experimente wie das Stanford-Prison-Experiment.[9]

Wie reagieren die Familienmitglieder auf Gefahren, Konflikte und auf Personen, die Hilfe benötigen? Sie reagieren sehr unterschiedlich, was darauf hinweist, welche differenten Auswirkungen das Projektdesign hat. Die Großmutter, die die Zeit des Protektorats als Kind erlebt hat, ist oft sehr emotional und scheint die Situationen intensiv zu durchleben. Die 49-jährige Ivana beobachtet und reflektiert, ist bemüht um ein Verstehen der damaligen Situation. Ihr Bruder Jan (36) spielt sehr bewusst mit, und zuweilen konnten es auch Kameraführung und Schnitt nicht verhindern, dass ein wissendes Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen ist. Der Versuch, die Teilnehmer die konstruierte Szenerie tatsächlich erleben zu lassen, gelingt nur selten und „scheitert“ meist an der Zurückhaltung der Produzenten. In dem respektvollen Versuch, eben kein Dschungelcamp zu schaffen, lassen sie den Protagonisten genügend Raum für Reflexion und Abstand. Die unterschiedlichen Erwartungen und Motive lassen sich schlichtweg nicht harmonisch miteinander verbinden.

Die vielfältigen Ziele der Produzenten – den Zuschauer zu unterhalten, Empathie zu fördern, historisches Wissen zu vermitteln, an nationale Traumata zu erinnern und schließlich ein sozialwissenschaftliches Experiment abzubilden – stehen einander gegenseitig im Weg.
Hinzu kommen kommerzielle Interessen beziehungsweise die irritierend permanente Präsenz des Sponsors.[10] Nicht zuletzt ist zu vermuten, dass das starke und sehr kritische Medienecho die Produzenten überrascht hat und sie deshalb zu einer vorsichtigeren Semantik Zuflucht nahmen. Der von deutschen Medien gern kolportierte Titel der ersten Episode „Willkommen in der Hölle“ (Vítejte v pekle) war tatsächlich ein Arbeitstitel – ausgestrahlt wurde die Sendung unter einer deutlich neutraleren Bezeichnung: „Willkommen in alten Zeiten“ (Vítejte ve starých časech).

Tabuthemen der Geschichtskultur

Schließlich stellt sich die Frage nach den Erwartungen an die öffentliche Geschichtskultur, die sich nicht zuletzt hinter der durchaus drastischen Kritik verbirgt. Auffällig ist hier zunächst die reflexhafte Ablehnung „einer solchen“ Inszenierung, wenn es „um ein solches Thema“ geht. Die wenigsten Beiträge reflektieren ihre eigene Position oder historisieren sie gar. Die moralischen Maßstäbe scheinen weitgehend absolut.
Die Serie selbst präsentiert ihren Stoff vor allem in Form von Alltagsgeschichte, mit dem Ziel, das tägliche Leben möglichst detailgetreu und nachvollziehbar darzustellen. Dabei spielen pragmatische Dinge wie Essenmarken und das Verbergen einer illegalen Hausschlachtung eine zentrale Rolle. Wichtig ist jedoch auch die nationale Dimension der Erzählung: das Verbot tschechischer Schriftsteller sowie ein kollektives Gefühl der Erniedrigung. Wohl eher ungewollt entlarvend ist dann eine Szene, in der die Großmutter erklärt: „Nach dem Krieg rechnen wir mit den Deutschen ab.“
Das große Thema des Holocaust wird in der vierten Episode auf interessante und durchaus aufschlussreiche Weise eingeführt: Nicht als Problem „der anderen“, sondern als Gefahr für die Familie selbst, als der Lehrer aufgrund von Kopfvermessungen und Assoziationen mit dem Nachnamen Lustyk eine mögliche Eingruppierung als „Nichtarier“ und die Deportation prophezeit. Für einen öffentlichen Diskurs, in dem die „eigenen“ Leiden als Nation traditionell im Vordergrund standen und die Massenmorde an Juden und Roma an die zweite Stelle gerieten, ist dies ein bemerkenswerter Ansatz.

Von Bedeutung scheint außerdem eine Einordnung der Erzählung in den aktuellen tschechischen geschichtskulturellen Diskurs. Man kann hier von Vielfalt sprechen oder von Disparatheit, von Kreativität oder Ziellosigkeit. In jedem Fall springt die große Variationsbreite der Medien ins Auge, mit denen Vergangenheit erinnert, erforscht, aufgearbeitet und dargestellt wird. Neben den traditionellen Bereichen der wissenschaftlichen Forschung und des Museumswesens haben sich in den letzten Jahren viele Medien und Genres historischer Themen angenommen. So gibt es ein aufwändig gestaltetes pop-up-Bilderbuch, das mit einem Augenzwinkern die „Geschichte der tapferen tschechischen Nation“ schildert,[11] sowie eine Fernsehsendung im Sandmännchen-Format aus der Feder der gleichen Autorin.[12]
Die Reformationsbewegung der Hussiten wird in einem kontrafaktisch erzählten Zeichentrickfilm dargestellt[13] und in einer dem Klassiker „Plants vs. Zombies“ nachempfundenen Spiele-App. Zu den kürzlich begangenen Feierlichkeiten zum 600. Jahrestag der Verbrennung von Jan Hus gehören nicht nur ein monumentaler dreiteiliger Fernsehfilm,[14] sondern auch Rapper, die sich in ihrer Musik mit – echten und fiktionalen – Texten des Reformators beschäftigen.[15]
Aus Anlass des 700. Jubiläums des Geburtstages von Karl IV. im kommenden Jahr wird über eine eigens komponierte „Hymne“ debattiert. Der Sänger der Hymne steht dabei wegen seiner Rechtsrock-Vergangenheit (und möglicherweise auch Gegenwart) in der Kritik. Zeitgeschichte wird in einer Soap mit dem Titel „Erzähl!“ (Vyprávěj!) nachempfunden sowie in der Doku-Drama Serie „Das Tschechische Jahrhundert“ (České století). Und die Philosophische Fakultät der Prager Karls-Universität bietet eine website mit dem Titel „Československo 38-89: Atentát“ an, in dem vor allem Schüler sich mithilfe von Comics, einer Spiele-App und verschiedenen Simulationen in die Zeit des Terrors nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 versetzen können.[16]
Diese Bandbreite, bestimmt von witzigen und langweiligen, originellen und einfallslosen, gut gemachten und geschmacklosen Werken, kann als Nachweis für eine suchende, in Aushandlungsprozessen begriffene Geschichtskultur gesehen werden, in deren Rahmen die docu-reality „Urlaub im Protektorat“ ihre Anhänger und Gegner finden wird, aber keinesfalls vollkommen aus dem aktuellen diskursiv bestimmten Rahmen fällt.




[1] Last week Tonight vom 1.6. 2015
[2] Der Urheber dieser Frage, die fälschlich einer Journalistin der Times of Israel zugeschrieben wird, ist nicht klar zu identifizieren. Doch formulierten Facebook-Nutzer ganz ähnlich. Vgl. Czech show relives Nazi occupation. The Times of Israel, 21.5.2015. Joachim Huber: "Wie weit ist es bis "Big Brother Auschwitz"?", in: Tagesspiegel, 25.5.2015 oder auch, mehr oder weniger im gleichen Wortlaut: "Urlaub im Protektorat". Tschechisches TV zeigt Nazi-Reality-Show, n-tv, 25.5.2015.
[3] Willkommen in der tschechischen Nazi-Hölle. In: Die Welt vom 19.5.2015 
[4] Joachim Huber: "Wie weit ist es bis "Big Brother Auschwitz"?", in: Tagesspiegel, 25.5.2015.
[5] RECENZE Dovolená v protektorátu? Málo ponížení a moc Hitlera. Aktuálně.cz, 24.5.2015 
RECENZE: Úvod Dovolené v protektorátu připomíná spíše agroturistiku. iDNES.cz, 23.5.2015 
[6] Ein Interview mit Zora Cejnková 
[7] "Schwarzwaldhaus 1902" eine Produktion der ARD aus dem Jahr 2002.
[8] "The 1900 House" produziert von Channel 4 und PBS im Jahr 1999.
[9] 1971 simulierten Psychologen der kalifornischen Universität eine Gefängnissituation und teilten ihre Probanden in Wächter und Häftlinge ein, um deren Verhalten zu beobachten. Die Machtdynamik nahm ungeahnte Züge an, und der Versuch musste nach Gewaltexzessen abgebrochen werden.
[10] Die Sendung wird durch eine Münzanstalt finanziert. Zugegebenermaßen hätte die Wahl des Geldgebers hier noch deutlich problematischer ausfallen können.
[11] Lucie Seifertová: Dějiny udatného českého národa -- a pár bezvýznamných světových událostí , Praha:  Knižní klub 2003.
[12] Dějiny udatného českého národa, Regie: Lucie Seifertová. 
[13] Husiti , 2013, Regie: Pavel Koutský.
[14] Jan Hus, 2015, Regie: Jiří Svoboda.
[15] Rapper versus Hus
[16] Československo 38-89: Atentát. Interaktivní příběh z období protektorátu. Verze pro veřejnost ke stažení.