Was bleibt...

"Die Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts haben uns nicht zu der Geste veranlasst, die Katastrophen, Genozid, Vernichtungskrieg, Massenmord und Terror als das nicht Erklärungsbedürftige mit kühler Selbstverständlichkeit hinzunehmen.
Warum nicht: (…) Weil wir Teil einer politischen Kultur sind, die zu Teilen jedenfalls, Gegenentwurf zu diesen Katastrophen ist und ihr Selbstverständnis und Bild daher bezieht und sich so als Fortsetzung der Moderne und ihres besonderen Verhältnisses zur Gewalt versteht."


Das Zitat stammt aus einem Vortrag den Jan Philipp Reemtsma am 27. Februar 2014 unter dem Titel Was ist eigentlich „Gewaltforschung“? an der Humboldt-Universität zu Berlin hielt.

Reemtsma hielt den Vortrag, fast auf den Tag genau, acht Jahre vor Beginn des Krieges in der Ukraine und dreizehn Jahre nach dem Ende der, insgesamt zehn Jahre andauernden, jugoslawischen Kriege. Der gegenwärtige Krieg ist eben nicht der einzige auf europäischem Boden seit 1945, noch ist er der einzige der derzeit auf der Welt stattfindet. Allein im Verlauf des Bosnien-Krieges wurden 250.000 Menschen getötet und zwei Millionen vertrieben. Die Folgen sind nicht nur in den mittlerweile sieben Staaten spürbar, die heute auf dem ehemaligen Gebiet Jugoslawiens existieren.

Historiker*innen neigen relativ selten zu Polemik und Zuspitzungen, weshalb ein Begriff wie Zeitenwende, wie überhaupt die Markierung eines Ereignisses als „erstmalig“ oder „einzigartig“, in dieser Berufsgruppe relativ selten gebraucht wird.
Wir, als Redaktion von zeitgeschichte|online, haben also auch in diesem Jahr Themen aufgenommen, die sich nicht durch „Einzigartigkeit“ auszeichnen und bieten auch keine Lösungen an für die Fragen unserer Zeit. Vielmehr sehen wir unsere dringendste Aufgabe darin, Analysen aus der zeithistorischen Forschung heraus anzubieten, die dazu beitragen können, gesellschaftliche Debatten zu versachlichen. In der Auswahl der Themen, Dossiers und Beiträge zeigt sich zudem unser Anliegen, die Gegenwart kritisch zu beobachten und wissenschaftliche Diskussionen und Erkenntnisse in den öffentlichen Diskurs einzubringen.

Im Zentrum unserer Arbeit stand in diesem Jahr das Dossier Die Wirklichkeit ist angekommen aus Anlass des russischen Überfalls auf die Ukraine. Selten habe ich eine derart unkomplizierte und rasend schnelle Bereitschaft von Autor*innen erlebt, sich zu beteiligen, wie nach diesem 24. Februar. Dafür mein Dank an dieser Stelle an alle Autor*innen und an meine Mitherausgeberin Maike Lehmann.

Selten jedoch sind mir die Ideen für ein Editorial am Ende eines Jahres derart abhanden gekommen. Was bleibt, ist die Empfehlung der Lektüre unserer Beiträge. Sie machen klüger und manchmal ratlos angesichts der Wiederholungen von Ereignissen, die wir nicht für möglich gehalten haben.  

Das "wir" meint hier das Redaktionsteam, das in den wöchentlichen Diskussionen entscheidet, wie es weitergeht auf zeitgeschichte|online. Die Redaktionsarbeit gestaltet sich aus dieser Gruppe heraus, ist selten planbar und auf die Bereitschaft der Community der Zeithistoriker*innen angewiesen, die für uns schreiben.
Ich danke meinen Kolleg*innen ohne deren Rat und Kritik, ohne ihren Humor und ihre Bereitschaft zu konstruktivem Streit zeitgeschichte|online nur ein blasser Stern im Netz der unendlichen Vielfalt wäre.
Mein Dank geht an Christine Bartlitz, Caroline Boisten, Karsten Borgmann, Lieven Ebeling, Janaina Ferreira dos Santos, Laura Gebke, Ricky Heinitz, Jan-Holger Kirsch und Alina Müller.
 

Ich wünsche allen Leser*innen ein gutes (vielleicht besseres) Neues Jahr 2023!
Annette Schuhmann
 

Zu guter Letzt noch ein wichtiger Hinweis: Die Kolleg*innen des Schweizer Online-Magazin Geschichte der Gegenwart haben eine Liste der Spenden- und Hilfsmöglichkeiten für die Ukraine veröffentlicht. Ihr findet die Liste hier.

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Ein Editorial zum Ende des Jahres 2022

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